Nach ruhigem Flug am Freitag, dem 13. - und damit ist den Abergläubischen unter uns der finale Gegenbeweis geliefert - fanden wir die RELAXIS in Göteborg in tadellosem Zustand. Die Yacht war - wie schon bei unserem vorangegangenen Besuch Himmelfahrt 2003 - blitzsauber, was für die Luftreinheit in dieser Ecke der Welt sprechen dürfte, da wir bisher - egal ob in Holland, Frankreich oder bei uns zu hause - bereits klar Schiff machen mussten, wenn wir nach nur einer Woche wiederkamen. Hier, sowohl fünf Wochen nach unserer Ankunft an Ostern als auch jetzt, zwei Wochen nach unserem Schärentörn nördlich Göteborg über Himmelfahrt - NICHTS!!! ALLES BLITZBLANK!!!

 

Ein erhebendes Gefühl, nicht erst mal nach der Ankunft stundenlang den Putzfeutel schwingen zu müssen - die "Beste" sah allerdings schon wieder mal Staub in ihrer Pantry und auf dem Kartentisch und flitzte kurzerhand mit `nem feuchten Lappen durch die Gegend! Gott sei Dank hielt sich das in Grenzen (was Frauen so alles wahrnehmen!!)

 

Allerdings hatten Korbinian und ich die Yacht auch ausgiebig "maintained", als wir aus den Schären - übrigens ein Traumtrip, den man nur empfehlen kann - zurück waren und die Wartezeit bis zum Abflug überbrücken "mussten".

 

Es blies wie wild an diesem 13.Juni 2003 - 25kn Wind ( in Böen auch gut darüber) schon im Hafen bei "schönstem Blau" über uns. Relativ "moderate Temperaturen" ( zwischen 18 und 20 Grad Celsius) brachten zunächst Erholung von der gerade verlassenen Hitzewelle zu hause in Deutschland und nach den letzten Wochen mit Temperaturen um und über 30 Grad Celsius konnte man erst mal aufatmen.

 

So genossen wir nach einigen kurzen Handgriffen - RELAXIS bekam noch eine Bugrolle mit Violinklemme für den Blister (das ist einfacher, als jedes Mal zu knoten) und drei neue Rollen für die Genuafurl - und einem schönen Hügelspaziergang ( Bayern brauchen halt immer was zum Raufklettern!) unser Ankunftsbier im "Königlichen Yachtclub" mit Gratisblick auf die Ostsee mit ihren Inseln.

 

Am nächsten Morgen gegen 11 Uhr verließen wir mit einem 1a - Ablegemanöver, nicht ohne vorher mit unserem Nachbarn, einem schwedischen Altrocker und seiner Lebensgefährtin, noch ein paar Worte getauscht zu haben. Wie sagte er das letzte Mal, als wir uns auf den Weg zum Flieger machten: "I will keep an eye on your boat, `til you`ll be back" - da hätten wir die Yacht bei den Oberarmen ( natürlich mit Tatoos) wahrscheinlich auch offen liegen lassen können!

 

Es ging mit auflaufendem Wasser (man merkt hier die Tide aus dem Skaggerak noch ein wenig) nach Göteborg hinein, nachdem wir die Dieseltanks gefüllt hatten. Völlig unnötig angesichts des Bestandes von fast 300 l - aber es beruhigte die "Beste", da in den nächsten Tagen in den Kanälen einige Motorstunden vor uns lagen ( die Yacht verbraucht gerade mal 3 - 4 Liter pro Stunde!) und damit auch aus ihrer Sicht für den Fall der Fälle "Non-Stop-Heizungsbetrieb" gewährleistet war ( wir sind offensichtlich mitten im Winter - die Heizung schluckt vielleicht gerade mal `nen halben Liter pro Stunde!). Dann liefen wir in die Götä Alv, den sog. Trollhättekanal, Richtung Vänernsee ein.

 

Göteborg, die zweitgrößte Stadt Schwedens, wurde erst 1619 von König Gustav II.Adolf als Heimstadt für Holländer gegründet, die für den Kanal- und Schleusenbau ins Land geholt wurden. Mit ihren heimatlichen Bauweisen prägten sie das Stadtbild. Der Vorläufer der Stadt war der bereits im 11.Jahrhundert nördlich von Göteborg erbaute Ort Lodöse, der aber wegen der Zollabgaben an die Norweger und der Kriege gegen die nördlichen Nachbarn aufgegeben wurde. Die meisten Sehenswürdigkeiten der heute wichtigsten Seehafenstadt Nordeuropas liegen innerhalb des Wallgrabens - ein Besuch lohnt sich sicher!

 

Die Wasserstrasse zwischen dem Vänersee und dem Kattegatt, der Trollhätte - Kanal , dient seit frühen Zeiten als Transportweg. Das Land an der südlichen Flussmündung rund um das heutige Göteborg war lange Zeit Schwedens einziges Tor in den Westen. Bis ins Jahr 1658 war der Göta-Alv außerdem Grenzfluß zu Norwegen und noch im 19.Jahrhundert wurde das östliche Ufer als die "schwedische Seite" bezeichnet. Schon die Wikinger ließen sich trotz der Stromschnellen nicht davon abbringen, diesen Wasserweg zu benutzen - sie trugen oder schoben ihre Boote über Land oder um die Wasserfälle herum und luden die Waren auf Pferdekarren ( erinnert an die Geschichte und Entstehung von Rüdesheim/Rhein!). Die Strecke zwischen Stora Edet (Trollhättan) und Lilla Edet hieß "Edsvägan" - sie gab den Pack- und Zugtieren den Namen : "Edsmähren".

 

Schon Bischof Hans Brask hatte im 16.Jahrhundert wahrscheinlich als erster die Idee, eine vollständig befahrbare Wasserstrasse zu bauen - aber die Schleusenwände des "Braskens Graben" bei Norsholm hielten nicht lange. Danach gab es verschiedene weitere Bauversuche, aber erst unter Karl XII (1682-1718) wurde das gesamte Bauwerk mit Entschlossenheit in Angriff genommen, nachdem ihn der bekannte Naturforscher Emanuel Swedenborg dazu überredet hatte. So erhielt der Ingenieur Christopher Polhem den Auftrag, in nur fünf Jahren den Kanal vom Vänern ins Kattegatt fertig zu stellen. Als der König fiel, die finanziellen Mittel erschöpft waren und auch noch ein Erdrutsch große Teile der Arbeit zerstörte, war erst mal "Pause" - 30 Jahre später erhielt der inzwischen 87-jährige erneut den Auftrag, den Kanal zu Ende zu bauen. Sein Nachfolger, G.A.Wiman weihte 1753 die erste Schleuse bei Brinkbergskulle ein, deren Schleusentore über ein Wasserrad geöffnet wurden.

 

Erst am 14.August 1800, nach quasi 200 Jahren Arbeit an diesem Projekt, fuhren die ersten Schiffe durch alle Schleusen - 32 Jahre später, bei der offiziellen Einweihung des Götakanals war klar, daß die Schleusen bereits zu klein für den neuen Schiffstypus waren. Also wurde ab 1844 wieder gebaut, bis der Kanal 1916 (!) seine derzeitigen Ausmaße erhielt. Bis 1975 gab es noch weitere Verbesserungen, aber an der Streckenführung wurde nichts mehr geändert.

 

So liegen wir heute, nach rd. 8 Stunden wunderschöner Fahrt " durch Trapperland" am Fuße der alten Schleusen neben einem Springbrunnen, der die Stille anhaltend durchbricht
(allerdings muß man da von dem Wassergeplätscher dauernd aufs Clo!!). Drei schwedische Yachten und ein Engländer leisten uns Gesellschaft und wie von Geisterhand oder auf heimlichen Befehl sind die Mückenschwärme über dem Wasser plötzlich verschwunden - ein Glas Roter, ein Pfeifchen und "sich treiben lassen" stehen auf dem Abendprogramm. HERRLICH!!!

 

Am nächsten Morgen - bis auf zwei Yachten (eine davon unsere!) waren alle Frühaufsteher - genossen wir die Ruhe und nach einem kleinen "Walk" erklommen wir die vier Schleusentreppen zusammen mit einem kleinen 30-er Schärenkreuzer. Nach der ersten Treppe kam uns ein Pulk Yachties aus der höher gelegenen nächsten Schleuse entgegen - aber jeder verhielt sich gesittet und so blieb das sonst vor allem in Holland bekannte und erlebte "Schleusenwuhling" aus. Nach 90 Minuten hatten wir die vier Dinger hinter uns, 640 skr weniger in der Tasche und waren wieder "frei". Die nun kommenden Hebe- und Drehbrücken wurden nach Kontaktaufnahme via UKW jeweils sofort aktiv, Wartezeiten blieben aus und so steuerte die "Skipperin" - teilweise mit Unterstützung von "Max" auf längeren Geraden - sicher nach Vänersborg (S), unserem nächsten Etappenziel.

 

"Max" ist die neue Bezeichnung für unseren Autopiloten (nach unserem heimischen schwarzen Kater - der macht auch immer, was er will!!). Der ST 6000 von Autohelm, im Schiff komplett vernetzt, hatte im letzten Jahr noch suuuper gesteuert, aber offensichtlich war ihm die Winterpause nicht bekommen. Jedenfalls fuhr der bisher, wohin er wollte, nur nicht dahin, wohin wir wollten. Manchmal benahm er sich 20 Minuten sehr gesittet, um dann unmotiviert in irgendeine Kurve auszubrechen - dann wieder fuhr er Schlangenlinien oder begann gleich ohne Vorwarnung zum Vollkreis anzusetzen. Ich hatte den Check bzw. die wahrscheinliche Reparatur in Gedanken schon auf Herbst verschoben - aber man gibt ja nie auf ("nicht nachlassen zwingt"!!). So hatte ich unterwegs wieder einmal die komplette Justierung neu eingestellt und siehe da - plötzlich ging´s! Wenn auch noch nicht ganz so, wie es sein sollte, aber schon ziemlich! So rächten wir uns einstweilen mit dieser Namensgebung - was soll man sonst auch schon groß tun???

 

Kaum waren wir in der neuen "Vänerparken Marina" fest, gingen zwei starke Gewitter runter - wir im Trockenen mit Kaffee bewaffnet, hielten das locker aus und lobten uns wieder einmal über den "Schellnkönig" wegen unseres guten Timings. Danach ging`s in den Ort - wie bei allen größeren Schwedenörtchen war am Sonntag nicht nur "Tote Hose", sondern es gab auch nichts groß Anheimelndes, so dass wir beschlossen, nach Möglichkeit nur noch die kleinen Orte aufzusuchen, die meist gemütlicher sind.

 

Der Wetterbericht für die nächsten Tage war auch nicht zum Lachen - die Höchst-temperaturen sollten auf 12 Grad sinken und insgesamt war durchwachsenes Geschehen angesagt. Naja - das ist das Schöne am Bootfahren: man kann (so schnell) nicht entfliehen und ist dadurch zur Ruhe "gezwungen"! Das kräftigt!!

 

Montag, den 16.06.2003 - der VÄNERN nahm uns in Empfang! Ohne Wind, mit glatter See ("Kaffeetasse") und herrlichem Sonnenschein. Nix Wetterbericht!! Gemütlich tuckerten wir vor uns hin - Dalbergsan, eine Minimarina mit kleinem Campingplatz in der gleichnamigen Flussmündung rd. 20sm NNW von Vänersborg war unser Ziel. Nach gut einer Stunde war es dann soweit - es wurde querab backbord immer schwärzer! Da braute sich richtig was zusammen und nach weiteren 30 Minuten kamen die ersten Blitze über Land auf. Also doch Wetterbericht!? Rd. 12 km war der "thunderstorm" noch entfernt und wir erhöhten, immer am Rande des Gewitters fahrend, die Drehzahl unseres zuverlässigen Volvo Penta Diesels. "Max" steuerte anstandshalber einwandfrei, so dass der Skipper beim Kaffee und die "Beste" beim telefonieren (furchtbar!!) nicht gestört wurden bzw. permanent mißtrauisch den Zug des Gewitters beobachten konnten.

 

Wir hatten Glück - beim Einbiegen in die Flussmündung hatten wir "Petrus`Kegelbahn" abgehängt und lagen am frühen Nachmittag über Heckanker an einem wirklich idyllischen Fleckchen Erde fest. Natur pur - keine Menschenaufläufe - Ruhe - Sonne - einfach
U U U R L A U B !!!

 

Die Beschreibung stimmte genau mit unserem Führer überein - eine überaus gepflegte kleine Steganlage mit einigen wenigen Gebäuden und einem von Bäumen und Vogelgezwitscher umgebenen optisch großzügigen, aber eigentlich kleinen Areal lag vor uns. Neben einigen kleinen schwedischen Booten waren noch drei deutsche Yachten vor Anker - "retired sailors" mit dementsprechend viel Zeit, wie der poliglotte Leser bei dieser Bezeichnung unschwer feststellen würde.

 

Auf verschlungenen Waldpfaden - wo sind hier eigentlich die Elche??? - kommt man an ein idyllisches Felsufer des Vänern und mit schier endlosem Blick aufs Wasser genießen wir die Stille.

 

Der Vänern ist am besten umschrieben mit dem Wort "riesengroßer Weiher" - rd. 11x so groß wie der auch nicht gerade kleine Bodensee in Deutschland hat er eine Fläche von 5648 qkm, rd. 2000 km Uferlänge, 22000 Inseln, Inselchen und Schären sowie ein Volumen von 153 ckm. Seine größte Tiefe beträgt 106m.

 

Auf dem Grund des Sees liegen über 10000 Wracks (wir nicht!!), was die Bezeichnung "Weiher" deutlich relativiert! Das Gewässer gilt als Seegebiet und macht rd. ein Drittel der gesamten schwedischen Süßwasservorräte aus. Statistiker haben errechnet, dass die gesamte Bevölkerung der Erde auf dem See Platz hätte - typisch Statistiker!! Zum einen keine Aussage, wie das überhaupt funktionieren soll, zum zweiten keine Angabe über den "Platz pro Person, kein Wort zur Logistik und, drittens, wem nützt diese wenig pragmatische Berechnung, wenn die meisten Menschen nicht mal wissen, wie viel Zweibeiner derzeit überhaupt die Erde bevölkern??!!

 

Unser Törn führte uns am Dienstag jedenfalls durch nahezu "menschenfreies Wasser" - und die, die dir trafen, konnten offensichtlich nicht schwimmen, denn sie hatten alle Schiffe!! - Richtung Nordost nach Läckö, wo wir direkt unterhalb des Schlosses einen schönen, aber aufgrund der fehlenden Wassertiefe gerade noch ansteuerbaren Liegplatz fanden. Kein Mensch da - später lief noch die "Twist VI", eine 33 Fuß Sloop aus Göteborg (GKSS) mit einem sehr netten und aparten Ehepaar nebst zwei kleinen (wohlerzogenen!!) Kindern ein, die gleich baden gingen (brrrrrrrr - 16 Grad Wassertemparatur!!!). Die "Twist" sollten wir später nicht nur in Mariestad, sondern auch fast jedem anderen Ort, an dem wir festmachten, wieder- treffen - ebenso wie den einen oder anderen "Weggefährten"!

 

Nachdem wir Läckö bei wenig Wind unter Vollbesegelung incl. Blister erreicht hatten, gab's erst mal ´nen ausgiebigen Spaziergang in und um das Schloss sowie die Hinterlandschaft der Insel. Urteil: empfehlenswert!

 

Die Legende um das Schloss beginnt mit dessen Grundsteinlegung im Jahre 1298 als Bischofsburg. Nach der Reformation (1527) wurden die Kirchengüter von König Gustav Vaasa eingezogen und als Lehen für königstreue Dienste (so was habe ich von meiner Frau für meine treuen Dienste noch nicht bekommen!) vergeben oder verfielen. 1615 wurde renoviert und erweitert - 1686 wurden die meisten Lehen unter König Karl XI, so auch Läckö, vom Staat eingezogen ( ich glaube, das gefiel derzeit manchen Politiker in Deutschland auch ganz gut, wenn ich so die Diskussionen und Begründungen um das Thema "Erbschaftssteuer" verfolge - es wiederholt sich offenbar alles irgendwie!!). Heute wird die "Attraktion" von einer öffentlichen Stiftung verwaltet, die durch Sonderausstellungen und -veranstaltungen viele Gäste anzieht.

 

Am Mittwoch verholten wir zum Auslaufen aus dem kleinen Hafen unterhalb des Schlosses ganz vorsichtig nur mit Bugstrahl und Heckleine angesichts der nicht im Führer beschrieben Unterwasserfelsen, die auch in keiner unserer Seekarten angegeben waren. Wieder auf "See" kamen sofort "alle Lappen hoch" und wir erlebten den bisher heißesten Tag bei leichten Winden auf dem Törn in Richtung Mariestad. Für die "lumpigen" 20sm waren wir, da die Puste immer weniger wurde und dann nur noch (maximal) 3-4kn betrug, wir aber "eisern als Segler in die Geschichte eingehen wollen" ,fast 9 Stunden unterwegs. Allerdings mit Badestopp, da der Skipper sich sogenannten "Weicheigerüchten" nicht aussetzen wollte und zumindest ein Mal in diesem "Weiher" baden wollte (wieder brrrrrrr!! - tat aber eigentlich ganz gut!).

 

Die Twist war noch später dran - aber auch ihr Skipper nebst Family bewiesen Geduld und Seglerhärte. Motoren kann schließlich jeder!!

 

Mariestad, das vorletzte kleine Städtchen unserer Reise auf dem Vänern, liegt, gemessen an der Längsausdehnung des Sees, fast auf der Hälfte der Nordsüdlänge am östlichen Ufer. Schon von weitem erkennbar ist der rote, hohe Dom der Stadt als Sinnbild der früheren kirchlichen und weltlichen Macht. Die Yachties lockt meistens das im Vergleich zu anderen schwedischen Städten große lukullische Angebot in die Stadt - alles ist blitzsauber und insgesamt herrscht eine nette, freundliche und einladende Atmosphäre. Nur wenige Kilometer südwestlich von Mariestad wurde bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts harte Handwerksarbeit geleistet - in den Hügeln von Lugnäs baute man Gestein, bestehend aus Gneis, Feldspat und Kaolin, ab, das sich hervorragend für Mühlsteine eignete. Schon im 12.Jahrhundert stellten Zisterziensermönche unter freiem Himmel in reiner Handarbeit die begehrten Steine her. Im späteren Mittelalter stieg die Produktion auf 2000 Mühlsteine pro Jahr für Abnehmer in ganz Europa und sogar in Nordafrika - erst in der Neuzeit kam die Herstellung zum Erliegen.

 

Freitag, der 20.06.2003 - seit heute sind wir im Götakanal. Um 800Uhr liefen wir in Mariestad aus und machten uns auf den kurzen Weg nach Sjötorb (9sm). Und dann gleich rein in die erste Schleuse - das sind richtige "Mistdinger": nichts zum Festmachen an den Schleusenwänden, eigentlich "Minihuber", verglichen mit den Schleusen an Rhein, Neckar und Mosel, die wir lange Jahre gewohnt waren, sprudeln wie wild und hören nicht auf….

 

Allein 20 von diesen "Viechern" mussten wir am ersten Tag meistern - nach der dritten Scheuse hatten wir den "Schwedendreh" raus: die "Beste" wurde vor der Schleuse mit einer sehr langen Leine abgesetzt, ich fuhr die Yacht (am Strick der "Besten" hängend - für mich nach fast 29 Jahren Ehe nichts Neues!) hinein und warf kurz nach dem Schleusentor eine Heckleine nach oben. Die wiederum konnte die "Beste" um einen in jeder Schleuse an der gleichen Stelle befindlichen kleinen Eisenpfahl schlingen und mir wieder zureichen/-werfen, da sie selbst wiederum die lange (Vor-)Leine erst um bzw. durch einen Ringe gezogen hatte und mit dem langen Ende dann eine Schiffslänge zurücklaufen konnte, ohne das der Bug ausbrach.

 

Dann begann die Sprudelei - und für diese Schinderei mussten wir bei der Einfahrt in den Kanal für die gesamte Strecke rd. 350€ berappen!!Allerdings sind in dieser Gebühr alle Liegeplätze, Strom und Wasser enthalten - am ersten Abend spürten wir beide unsere Knochen kaum noch und als wir nach rd. 20sm in Töreboda um 1800Uhr festmachten, ich dann noch die Yacht aufklarten und säubern mußte, da war die Urlaubsstimmung erst mal weg! Uns tat alles weh - Gott sei Dank haben wir am nächsten Tag nur noch eine von diesen "Hebebühnen" zu bewältigen, bevor wir in den Vikensee, einem "Vorsee" des Vätternsees, einlaufen. Und die geht bereits bergab!!

 

Der Götakanal entstand übrigens aus einem Zwist zwischen den Schweden und den Dänen - die nämlich hatten sich plötzlich einfallen lassen, für die Passage des Öresund Zoll und Gebühren zu verlangen ( offensichtlich sehr moderne Politiker!) - damit war der Zugang der Schweden aus der östlichen Ostsee zum Vänern quasi versperrt. Zumal von Norden immer die Norweger drängten! Um dies zu umgehen, beschlossen die Obrigen, besagten Kanal zu schaufeln - 58000 Soldaten buddelten mehrere Jahrzehnte und als sie endlich fertig waren, war diese "öffentliche Investition" (wie so manche üblicherweise bei uns in der "Neuzeit" auch!) für die Katz. Rund 30 Jahre nach der feierlichen Eröffnung verzichteten die Dänen auf ihre Zollidee und das Bauwerk wurde letztlich zur "teuersten Freizeiteinrichtung der Welt"!!

 

Heute verkehren (fast) nur noch Yachties und Ausflugsboote auf dieser schwedischen Attraktion und in fast jeder Gästezeitschrift wird das "Highlight der Urlaubsbeschäftigungen während eines Schwedenurlaubs", nämlich das "Zusehen bei den Yachties, wenn sie schleusen", gepriesen. So tragen wir im übersetzten Sinn offensichtlich zumindest indirekt zur weiteren Entwicklung des schwedischen Bruttosozialprodukts bei - auch eine Form, wenngleich auch nicht die schlechteste, "Spenden" zu leisten!

 

Am 21.06.2003 erreichten wir abends plangerecht Karlsborg - hier fielen zwei Feste zusammen: die "Beste" hatte Geburtstag und es war Sonnwend. Eine rauschende Schwedenparty ging abends bis spät in die Nacht im Restaurant Ydas Brygge nahe den Anlegestellen unserer Yachten ab. Life - Music war gratis und erst früh fanden wir zur RELAXIS zurück. Dies bescherte uns am Sonntag einen Ruhetag (hat übrigens auch schon der "Alte Herr" aus dem "dicken Buch" so vorgeschrieben - "und am 7. Tage sollst du ausruhen") und so waren wir erst ein wenig "malad", um dann die Geister bei einer Besichtigungstour der Festung Karlsborg wieder zu wecken.

 

Die Festung entstand aufgrund der wiederholten Angriffe der Russen gegen Finnland und die Ostseeküste Schwedens nach dem Tod König Karls XII - es wurde ein Generalverteidigungs-plan entwickelt, für den sich u. a. Staatsrat Baltzar von Platen und der französische Marschall Bernadotte, der 1818 als Karl XIV. Johan zum König von Schweden gekrönt wurde.

 

Über 100 ha hat die Festungsanlage, vornehmlich aus Kalksteinen aus dem Vätternsee gebaut. 1844 wurde der Spatenstich zu einem der längsten Gebäude Europas, der 678m langen "Äusseren Wehrmauer", getan. Mehrfach wurde um- und neu geplant, nicht zuletzt aufgrund der laufenden technischen Entwicklung und die ursprünglich geplante Bauzeit von 10 Jahren konnte erst 1909, also fast 90 Jahre nach Baubeginn, abgeschlossen werden. Die Kosten hatten sich gegenüber dem Plan zwischenzeitlich versechsfacht. Allerdings war die Festung dann auch in militärischer Hinsicht bei Fertigstellung veraltet und der ursprüngliche Gedanke einer Art Fluchtburg auf einer inneren Verteidigungslinie, in der auch die Goldvorräte gehortet werden sollten, hatte sich überholt. Man nutzte sie dann zu Stationierungs- und Ausbildungszwecken, seit 1925 auch als Vorratsplatz.

 

Unser nächster Besuch galt einer jungen Dame in Vadstena - Birgitta heißt die Schöne! Die Lady wurde vor rund 700 Jahren mit gerade mal 13 Jahren mit dem Gerichtspäsidenten Ulf Gudmarsson verheiratet, ließ sich hier in der Gegend (auf Birgittas Udde, einer Landzunge in Boren/ Vorort von Motala) für 30 Jahre mit ihrem Mann nieder und gebar 8 Kinder. Danach - wohl als die meisten aus dem Haus waren - kümmerte sie sich um verstoßene Frauen, errichtete auf Ulfäsa Gard ein Hospital und wurde 2x, zuletzt noch vor nicht langer Zeit von Papst Johannes Paul II, heilig gesprochen.

 

Hier im "mittelalterlichen Vadstena" wird in diesem Jahr der 700. Geburtstag der Dame gefeiert - na ja: vier Mal Nachwuchs haben wir auch schon zusammengebracht, Geburtstag der "Besten" war auch gerade und mit ´nem Heiligenschein läuft meine bessere Hälfte ja insbesondere wegen der (Frauen) offensichtlich angeborenen Unfehlbarkeit ebenfalls "ab und zu" durch die Gegend! Kann ja heiter werden!! Klingt nach Heimspiel!!

 

Der Stadtkern Vadstenas folgt noch immer dem mittelalterlichen Plan - viele Häuser sind für sich eine Sehenswürdigkeit und erzählen von vergangenen Epochen. Der Königspalast des 13. Jahrhunderts, die Klosterzeit im 14. und Klosterkirche, Rathaus und Bischofshaus aus dem 15.Jahrhundert. Im 16.Jahrhundert hatte Vadstena dann seine Blüte als Handelszentrum.

 

Nach Vadstena mussten wir von Karlsborg aus wieder mal motoren, da der Windmesser sage und schreibe "hektisch zwischen 0 - 2 kn Wind hin und her pendelte" und diese beim besten Willen nicht überschreiten konnte. Erst beim Einlaufen in den wirklich schönen Gästehafen direkt im Schlossgraben waren natürlich 15kn - Boen ( so quasi Wind um die Hausecke) angesagt. Das Wetter drehte und nachdem wir RELAXIS versorgt und unseren Stadtbummel abgeschlossen hatten, setzte der "montägliche Dauerregen" ein. So hat man bei einem gemütlichen Kaffee wieder mal Zeit zum Schreiben und lässt dabei einiges Revue passieren - trotz der 30 Grad im Schatten, die gerade in Deutschland mal wieder die Menschheit fertig machen, haben wir keinen Wetterneid, sondern uns der hier im ländlichen Schweden herrschenden Beschaulichkeit vollends angepasst. Selbst ein Auto im Stadtverkehr kommt einem schon richtig schnell vor! Gut so - es ist schließlich UUURLAUB!!

 

Heute ist Dienstag - in der Nacht vom 23. auf den 24.6. hat´s geschüttet, was das Zeug hielt. In unserer Koje war´s schön gemütlich und warm und als am nächsten Morgen sich die schwarzen Wolken schnell verzogen, die Sonne herauskam und wir die Leinen loswarfen, begleitete uns ein großes blaues Himmelloch mit ungetrübter Sonne auf unserem diesmal kurzen Weg nach Motala ( rd. 9sm). Erwartungsvoll machten wir unterhalb der alten Hafengebäude fest, waren aber von der Innenstadt optisch sehr enttäuscht: Baustil à la DDR, viel "Plastik" und ein großer Autoparkplatz beherrschen das Zentrum der Stadt, die bei uns immerhin den Namen Kreisstadt verdienen würde.

 

So ist es kein Wunder, dass sich alles unten am kleinen Hafen abspielt, wo neben dem Platenhaus und einem Motormuseum (immerhin soll Motala die Wiege des schwedischen Maschinenbaus sein) ein alter Speicher und rund 20 durchreisende Segelyachten das Bild prägen. Dementsprechend war unser restlicher Tag von viel Beschaulichkeit geprägt.Lesen, ein paar Kleinigkeiten am Schiff richten, die Fußreling nachölen - kurzum: "BBB" für den Skipper (= BootsBastelBeschäftigung) und "BLS" für die Crew (=BootsLeseStunde)!

 

Zwischenzeitlich ist auch unser "Zwischenliegeplatz" in Linköping bis 20.7. reserviert. Bis dahin bleibt RELAXIS dort, um dann unter der Führung meines Mitseglers Hanno (man erinnert sich - der "verrückte österreichische Mulitfunktionsmatrose") und einer von ihm zusammengestellte Crew nach Bornholm (DK) gesegelt zu werden. Deshalb haben wir jetzt schlicht und ergreifend viel Zeit, da nur noch rd. 20sm vor uns liegen. Wenngleich auch mit vielen Schleusen - allerdings alle bergab und oftmals als "Treppenschleusen" angelegt. Das Baro ist auch wieder gestiegen und so werden wir sehen, was der nun vor uns liegende Borensee an Schönheiten mit sich bringt.

 

Zum ersten ist dieser "Weiher" wesentlich größer als erwartet - da er gleichzeitig Wind zwischen 15 und 20 kn hatte, war natürlich sofort segeln angesagt. Immerhin rd. 6sm waren so möglich und faul, wie wir inzwischen hier im Rhythmus von Schweden geworden sind, haben wir es bei der Genua belassen. RELAXIS erfüllte ihr soll prompt - bei 30 Grad Windeinfall laut Windlupe und 16 kn Wind liefen wir nur unter Genua fast 5 kn!!

"Wiesensegeln!!"

 

In Borenberg lagen wir idyllisch an einem schönen Holzsteg längsseits, entdeckten ein hervorragendes Lokal zum Abendessen (gegrillter Lachs in Dillsauce - schmeckte zusammen mit zwei Bierchen hervorragend und war eher billiger als bei uns zu hause) und beobachteten dann am fortgeschrittenen Abend ein Volk Nebelkrähen und eine Schafsherde! Psychisch und physisch, so stellten wir bei einem Glas Roten fest, sind wir langsam geworden; angepasst an die Ruhe der Umgebung - noch mehr, als noch vor ein paar Tagen.

 

In Borenberg trafen wir auch die Yacht "The Bottle Imp" mit ihrem Skipperehepaar aus der Schlei. Was daran so erwähnenswert ist?? Der Skip, eher über 70 Lenze denn jünger und, wie wir später erfuhren, Vater von sechs Kindern, ist schwerbehindert. So hat er seinen alten Stahlsegler entsprechend umgebaut und segelt das ganze Jahr durch die Welt. Anstelle einer außenliegenden Reling hat dieselbe nach innen verholt und benützt sie, da die Beine wohl am stärksten von der Lähmung betroffen sind, als Stützhilfe, wenn er - alleine und nicht willens, sich helfen zu lassen!!! - den am Vorschiff festgeschnallten Rollstuhl löst, ihn auf den Steg hieft, entfaltet und sich auf den Weg macht. Zurück das ganze umgekehrt!!

 

Der Segelbaum besteht aus einer Art Spange, in die das Tuch in das unterhalb hängende Segelkleid fällt - das Cockpit des Schiffes ist ebenfalls von festen Relingstäben mit Querverbindungen umgeben, die einerseits ein Persenningdach tragen, andererseits als Haltehilfe beim Winchen dienen, wie er uns erklärt.

 

Auch die Arbeiten auf der Yacht verrichtet er, so konnte ich beobachten, überwiegend selber und als die beiden am nächsten Morgen auslaufen, macht er (und nicht seine Holde) das Schiff segelklar! Und dass er segelt und nicht nur motort, sah man sofort!! Wir wünschen der "The Bottle Imp" noch viele unbeschwerte Seemeilen, immer `ne Handbreit Wasser unterm Kiel - das Gespräch, die Fachsimpelei und den Kontakt haben wir genossen! Respekt!!

 

Wir trollen uns nun auf unsere letzten 20 sm Richtung Linköping - gemütliche Kanalfahrt bei schönem Wetter mit rd. 3kn (Wahnsinn - wir heben gleich ab!!), zig Brücken und 9 Schleusen führen uns nach Berg. Hier liegen wir um 16 Uhr fest in einer schönen Marina, schlecken einige "Eise" und denken schon mit Schrecken daran, dass uns am nächsten Montag der Alltag wieder in Besitz nehmen wird.

 

In Berg, unserem letzten Zwischenstop, genießen wir noch einmal das Götakanal - Ambiente. Am späteren Abend zieht eine riesen Unwetter knapp an uns vorbei - der Himmel erscheint in allen Farben von hellblau über lila bis dunkelschwarz. Am nächsten Morgen schleusen wir unproblematisch durch die letzten 7 Treppen auf den Roxen und lassen uns von der Genua bei 9 - 13 kn Wind nach Linköping bis vor die Flusseinfahrt des Standan ziehen. Um 13 Uhr lagen wir fest im örtlichen Segelbootshafen - ganz ruhig lag RELAXIS zwischen ihren Dalben und signalisierte ihr stilles Einverständnis, dort bis zum nächsten Trip auf uns zu warten. Fast peinlich war es unseren Gastgebern, uns die Liegeplatzgebühren für die nächsten drei Wochen abzunehmen - ungefragt bot man uns die Halbierung der Gebühren an und so liegen wir sicher und gut aufgehoben für umgerechnet ganze 50 € für drei Wochen (!!!) in Linköping. Dort werden Mitte Juli die Leinen losgeworfen für den Törn nach Süden entlang der schwedischen Ostküste - Ziel Bornholm (DK).